Die schlimmste Jahreszeit oder die beste Chance für Veränderungen?

von Visite (Kommentare: 0)

Die schlimmste Jahreszeit oder die beste Chance für Veränderungen?

Interview mit einer Vertreterin der Adipositas-Selbsthilfegruppe animosus

Visite: Wir haben uns lange darauf gefreut, jetzt ist es endlich soweit: Es ist Sommer! Teilen Sie die Freude?
Claudia Irmscher-Stohmann: Zum Thema „Sommer" fällt mir als erstes ein, dass dies die schlimmste Jahreszeit für viele Adipöse ist: körperliche Erschöpfung und vermehrtes Schwitzen; Kompensation durch (noch) weniger Bewegung und Rückzug aufgrund von Scham. Aber da frische Nahrung gerade im Sommer gut schmeckt, ist es auch ein sehr guter Zeitpunkt, um mit einer Ernährungsumstellung – hin zu viel Salat und Gemüse – anzufangen. Der Sommer eignet sich natürlich auch gut zum Besuch einer Selbsthilfegruppe, wo man gemeinsam peu à peu an Ernährung, Bewegung und Verhalten arbeiten kann. Und da passen unsere regelmäßigen Lauftreffen im Freien ganz hervorragend. Gerade haben Einige von uns am Bielefelder Spendenlauf für Krebsbetroffene teilgenommen; nun trainieren wir für den „run & roll day“ der Bielefelder Stadtwerke im September. Vor allem natürlich für uns selbst, weil Bewegung und Konditionsaufbau wichtig ist. Aber auch, um sichtbar zu sein und dem Bild des „faulen und gefräßigen Dicken“, das immer noch in vielen Köpfen herrscht, entgegenzuwirken.

Visite: Welche Gründe gibt es für Adipositas?
Claudia Irmscher-Stohmann: Der Grund für Adipositas ist fast immer der Gleiche: man isst mehr Nahrung als der Körper verbraucht. Die Ursachen für dieses falsche Ernährungs- und Bewegungsverhalten sind aber vielfältig und meistens treffen mehrere gleichzeitig zu. Entscheidend ist die persönliche Situation sowie das berufliche und private Umfeld. Natürlich ist die Erziehung prägend, Sätze wie „der Teller wird leer gegessen“, „man wirft kein Essen weg“ und „sitz doch mal still“ kennen viele von uns. Dann gibt es die gemütlichen Knabber-Abende mit Familie und Freunden vor dem Fernseher oder aber auch Langeweile- oder Frustessen alleine als Ersatzbefriedigung. Verstärkt wird dies noch, wenn man beruflich viel unterwegs ist und sich dort mit Fast Food ernährt oder eine sitzende Tätigkeit ausübt und in der Freizeit zu wenig Bewegung hat. Bei vielen Betroffenen gibt es auch psychische Faktoren wie Depression, familiäre oder berufliche Probleme, Isolation, Langeweile, Essstörungen oder Traumata, die mit Essen „überdeckt“ werden. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Übergewichtige ein geringes Wissen über Ernährung haben und zudem ein mangelndes Körpergefühl, bei dem Hunger und Sättigung nicht gespürt werden.

Visite: Gibt es neben den persönlichen Gründen auch körperliche Ursachen, die zu Übergewicht führen?
Claudia Irmscher-Stohmann: Ja, die körperlichen Ursachen dürfen auch nicht ganz außer Acht gelassen werden. Es ist erwiesen, dass die Genetik eine große Rolle bei der Entstehung von Adipositas hat, allerdings schwanken die wissenschaftlichen Aussagen über die Höhe des genetischen Einflusses – je nach Untersuchung und Auftraggeber der Untersuchung – zwischen 30 und 80%. Aber auch hormonelle Erkrankungen wie etwa Schilddrüsenunterfunktion und Cortisolüberproduktion verursachen Übergewicht. Zudem gibt es Medikamente, die zu Übergewicht führen, dazu gehören zum Beispiel viele Antidepressiva, Antihistaminika, Neuroleptika und Cortison. Auch die Darmflora mit den Darmbakterien kann das Gewicht negativ beeinflussen. Und nicht zu vergessen ist der allseits bekannte Jojo- Effekt durch Diäten! Eine Diät kann als Mittel zur Gewichtsreduktion bestenfalls zu Beginn als Motivationsschub förderlich sein, ist ansonsten aber völlig kontraproduktiv.

Visite: Es ist allgemein bekannt, dass Übergewicht ungesund ist. Welche Folgekrankheiten können bei Adipositas auftreten?
Claudia Irmscher-Stohmann: Die meisten Folgekrankheiten sind wohl bekannt: Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall, Bluthochdruck, Diabetes mellitus Typ 2, Schlafapnoe, Arthrose, erhöhtes Krebsrisiko und Stressinkontinenz, um nur einige zu nennen. Des Weiteren führen Übergewicht und Adipositas häufig zu Einschränkungen der Aktivitäten des täglichen Lebens, verminderter Lebensqualität und vor allem zu psychosozialen Konsequenzen mit Neigung zu Depression und Ängstlichkeit, sozialer Diskriminierung, Selbstwertminderung und sozialer Isolation.

Visite: In Bielefeld gibt es noch zwei weitere Adipositas-Gruppen. Wie unterscheidet sich Ihre Adipositas-Selbsthilfegruppe animosus von den anderen beiden und was kann man unter „animosus“ verstehen?
Claudia Irmscher-Stohmann: Bei der Selbsthilfegruppe animosus (lat. für „voll Leben, leidenschaftlich, mutig“) ist der Name Programm. Durch regelmäßigen Kontakt und Austausch, gegenseitige Stärkung, gemeinsame Aktivitäten wie Spaziergänge, Besuche von Festen und Kegelabende sowie durch Aneignung von Wissen zu Adipositas-relevanten Themen gelingt es oftmals, dass Teilnehmer das eigene Schneckenhaus verlassen, sich peu à peu wieder in das volle Leben stürzen und „nebenbei“ auch abnehmen. Die anderen beiden Gruppen der Adipositas Selbsthilfe Bielefeld „SHG Klösterchen“ und „SHG Johannesstift“ treffen sich einmal monatlich zu Gruppenabenden, bei denen Fragen zur Adipositas-Chirurgie einen großen Raum einnehmen. Im Gegensatz dazu trifft sich unsere Gruppe „SHG animosus“ zweimal im Monat und beschäftigt sich ausschließlich mit konventioneller Gewichtsreduktion. Aber egal, welcher Selbsthilfegruppe man sich anschließen möchte: eine dauerhafte Gewichtsreduzierung funktioniert immer nur durch Ernährungsumstellung, Bewegung und Verhaltensänderung!

Visite: Wie hat die Selbsthilfegruppe Ihnen oder anderen Teilnehmern bisher geholfen?
Claudia Irmscher-Stohmann: Uns gefällt besonders gut, dass man Kontakt zu anderen bekommt und auch Freundschaften entstehen, nach dem Motto „Gemeinsam statt einsam“. So wird das Selbstwertgefühl wieder aufgebaut und viele verlassen die Isolation. Außerdem macht Bewegung in der Gruppe mehr Spaß und man bleibt leichter „am Ball“. Dazu kommen die Informationen durch Fachveranstaltungen von Ärzten, Ernährungsberatern und anderen Fachleuten, die wir hin und wieder einladen. Alles in allem geht es mir psychisch besser als früher, ich nehme langsam ab und freue mich auf die Treffen!

Visite: Ihre Selbsthilfegruppe freut sich immer über neue Teilnehmer. Worum geht es bei Ihren Treffen und was können Interessierte, die neu in die Gruppe kommen möchten, erwarten?
Claudia Irmscher-Stohmann: Vor allem können neue Teilnehmer Verständnis für ihre Situation erwarten. In unserer Selbsthilfegruppe treffen sie auf Menschen, die die gleichen Probleme haben, sich darüber austauschen, einander nützliche Tipps geben und sich gegenseitig motivieren oder auch „auffangen“, wenn es mit der Abnahme mal einige Zeit nicht wie gewünscht klappt. All dies nimmt den größten Raum bei unseren „Sabbeltreffen“ (an jedem 2. Freitag des Monats) ein. Aber auch gemeinsames Dazu-Lernen ist uns wichtig. Am 4. Freitag im Monat haben wir unseren „Themen-Treff“, wo wir uns jeweils mit einem Thema aus den Bereichen Ernährung, Bewegung oder Verhalten beschäftigen. Um „mitreden“ zu können, bereiten sich alle Teilnehmer im Vorfeld ein wenig dafür vor. Die jeweils anstehenden Themen sind auf unserer Homepage zu finden. Gemeinsame Aktivität ist uns ein großes Anliegen! Sei es bei regelmäßigen Spaziergängen nach dem Grundsatz „Der Schwächste gibt das Tempo vor“, Besuchen von Veranstaltungen oder Festen, Kegeln, Minigolf oder dem monatlichen Stammtisch. Hier trifft man auch auf Teilnehmer der beiden anderen Selbsthilfegruppen (Klösterchen und Johannesstift) und kann dadurch weitere Kontakte knüpfen. Wer zunächst lieber Kontakt im „kleineren Rahmen“ aufnehmen und die beiden Leiterinnen der SHG animosus kennenlernen möchte, ist bei unserem Gesprächsangebot „Betroffene informieren Betroffene“ ein gern gesehener Gast.

Visite: Was möchten Sie als selbst Betroffene und Leiterin der Selbsthilfegruppe gern anderen Übergewichtigen mit auf den Weg geben?
Claudia Irmscher-Stohmann: Das Reden über die eigenen Probleme ist natürlich sehr wichtig, aber das allein ist auf Dauer zu wenig. Eine Veränderung der Situation geschieht nur dadurch, dass man sich selbst ändert – hin zu bewusster Ernährung und mehr Bewegung! Ein sehr langer und oft steiniger Weg … im Kreise von anderen Betroffenen aber zu meistern!

 

Betroffene, Angehörige, Partner und Freunde sind jederzeit ohne Anmeldung herzlich willkommen!
Die Teilnahme ist kostenlos.
Mehr Informationen unter: www.adipositasselbsthilfe-bielefeld.de
Treffen der Adipositas-Selbsthilfegruppe animosus:
WANN? Jeder 2. und 4. Freitag im Monat um 18 Uhr
WO? Klinikum Bielefeld Mitte, 6. Etage, Konferenzraum, Teutoburger Str. 50, 33604 Bielefeld

Gesprächsangebot der Adipositas-Selbsthilfegruppe animosus „Betroffene informieren Betroffene“:
WANN? Jeder 2. Montag im Monat von 16 bis 18 Uhr
WO? Klinikum Bielefeld Mitte, Ebene E/ Eingangshalle, Patienten-Informations-Zentrum (PIZ), Teutoburger Str. 50, 33604 Bielefeld

Sie haben Fragen zu Selbsthilfegruppen im Klinikum Bielefeld oder allgemein zum Klinikaufenthalt?
Klinikum Bielefeld
Patienten-Informations-Zentrum (PIZ)/ Selbsthilfebeauftragte
Tel.: 05 21. 5 81 - 22 77
E-Mail: piz@klinikumbielefeld.de
www.klinikumbielefeld.de

Sie suchen eine Selbsthilfegruppe oder Sie möchten selbst eine Gruppe gründen?
Selbsthilfe-Kontaktstelle Bielefeld
Stapenhorststr. 5
33615 Bielefeld
Tel: 05 21. 9 64 06 - 94
E-Mail: selbsthilfe-bielefeld@paritaet-nrw.org
www.selbsthilfe-bielefeld.de

Weitere Informationen zur Selbsthilfe und zu (Bielefelder) Selbsthilfegruppen finden Sie unter www.selbsthilfenetz.de

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