Inkontinenz – Alltag für Millionen Menschen

von Prof. Dr. med. Werner Bader (Kommentare: 0)

Ständig dringend zur Toilette rennen müssen, obwohl die Blase gar nicht wirklich voll ist: Blasenschwäche und Inkontinenz sind sehr belastend für Betroffene und immer noch Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Viele Menschen mit überaktiver Blase schämen sich nicht nur wegen ihrer Erkrankung – sie verhindert auch ein normales Leben. Mal eine Nacht ohne Toilettenbesuch durchzuschlafen, im Beruf nicht ständig den Arbeitsplatz verlassen zu müssen, Sex mit dem Partner zu haben – all diese Dinge werden bei ständigem Harndrang zur Herausforderung und verdeutlichen: Inkontinenz ist eine schwere und nicht selten chronische Erkrankung. Bis zu 16,6 % der europäischen Bevölkerung haben eine „idiopathisch überaktive Blase“. Auch in Deutschland leiden ca. neun Millionen Frauen an einer Blasenschwäche, ein Drittel hiervon an einer reinen Dranginkontinenz, also einer überaktiven Blase die “macht was sie will“, und somit nicht mehr willkürlich von dem Patienten gesteuert werden kann. Bei der Stuhlinkontinenz kommen noch einmal 800.000 hinzu. Dabei trifft es nicht selten schon Menschen in jungen Jahren. Bei den Frauen zwischen 25 und 29 Jahren haben es schon 27 Prozent der Frauen mit einer Belastungsinkontinenz zu tun (unwillkürlicher Urinverlust ohne spürbaren Harndrang bei körperlicher Anstrengung). Mit zunehmendem Alter steigt die Zahl auf über 60 Prozent an. Eine Blasenfunktionsstörung hat verschiedene Ursachen. Beispielsweise wird sie durch zunehmendes Alter (Reizblase) oder eine neurologische Erkrankung wie Multiple Sklerose verursacht. Unterstützung für Menschen mit Inkontinenz bietet das neue Kontinenz- und Beckenbodenzentrum am Klinikum Bielefeld mit einem Netzwerk aller beteiligten Fachgruppen.

Therapie-Meilenstein: Botulinum-Toxin gegen Harninkontinenz

Für kosmetische Eingriffe wird es schon seit Jahren verwendet – ob zur optischen Linderung von Gesichtsfalten oder um die Lippen etwas fülliger zu machen als von der Natur gegeben: Botulinumtoxin Typ A. BOTOX® ist nun auch für die Behandlung der Harninkontinenz bei einer überaktiven Blase zugelassen. Diese neue Behandlungsmöglichkeit gilt für erwachsene Patienten, bei denen andere Therapien nicht geholfen haben oder wenn diese nicht vertragen wurden.

Bei dem Eingriff wird der Wirkstoff Botulinum Toxin A während einer Blasenspiegelung in die betroffene Muskulatur der Harnblase gespritzt. Durch die gezielte Lähmung bestimmter Muskelpartien können Symptome wie häufiger und unwillkürlicher Harndrang mit und ohne Urinverlust reduziert oder sogar vollständig unterbunden werden. Die komplette Wirksamkeit setzt erst nach einigen Tagen ein. Die Wirkung hält etwa sechs Monate an. Danach muss eine erneute Injektion erfolgen. Jedoch gibt es auch Patienten, bei denen erst nach zwei Jahren eine neue Injektion nötig war.

"Für die Patienten bedeutet das eine effektive und gut verträgliche Möglichkeit, die Kontrolle über ihre Blase zurückzugewinnen und wieder mehr Lebensqualität zu haben", erklärt Professor Dr. Werner Bader, Pastpräsident der Urogynäkologischen Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und Chefarzt der Frauenklinik des Klinikums Bielefeld. Er sieht in dieser neuen Methode einen echten Therapie-Meilenstein: „Die Zulassung von BOTOX® gegen die überaktive Blase ist ein deutlicher Fortschritt in der Behandlung dieser extrem belastenden Erkrankung und ein Gewinn für die urogynäkologisch tätigen Mediziner.“

Selbsthilfegruppe für Menschen mit Inkontinenz

Etwa 9 Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter, die wenigsten reden offen darüber: Über das Thema Inkontinenz zu sprechen berührt das persönliche Schamgefühl. In Kooperation mit der Paritätischen Selbsthilfe-Kontaktstelle Bielefeld bietet das Klinikum Bielefeld Betroffenen die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen. In der neuen Selbsthilfegruppe für Frauen und Männer mit Harn- und Stuhlinkontinenz können sich die Teilnehmer unbefangen über Sorgen und Nöte austauschen sowie sich Tipps und Erfahrungen für den Alltag geben. Verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, Übungen zu Stärkung des Beckenbodens, die Versorgung mit Hilfsmitteln und viele weitere Informationen zur neuen Selbsthilfegruppe gibt es hier:

Der Paritätische
Selbsthilfe-Kontaktstelle Bielefeld
Stapenhorststr. 5
33615 Bielefeld
Tel: 0521.9640696
E-Mail: selbsthilfe-bielefeld@paritaet-nrw.org

Klinikum Bielefeld Mitte
Patienten-Informations-Zentrum (PIZ)
Teutoburger Straße 50
33604 Bielefeld
Tel: 0521.581-2277

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