Corona Warn-App

von visite (Kommentare: 0)

Seit Anfang des Jahres hat das Klinikum Bielefeld an seinen drei Standorten mit dem neuartigen Corona Virus eine riesige Herausforderung zu stemmen. Abstand halten zum Schutz vor dem Coronavirus ist äußerst wichtig, denn das Virus überträgt sich vor allem durch Tröpfchen und, wie kürzlich eine Studie belegte, durch sogenannte Aerosole, also kleinste schwebende Teilchen in der Luft.

Weltweit sind deutlich mehr als sechs Millionen Menschen nachweislich am Coronavirus erkrankt. Klar ist, dass die offiziell angegebenen Zahlen die Realität nicht ganz widerspiegeln und es eine Dunkelziffer gibt. Die Dunkelziffer lässt sich nur schwer bestimmen, was unter anderem daran liegt, dass sehr viele Fälle mild verlaufen. Wer aufgrund von ausbleibenden oder nur schwachen Symptomen nicht merkt, dass er sich infiziert hat, lässt sich in der Regel auch nicht testen und isoliert sich nicht.
Seit dem 16. Juni 2020 gibt es die Corona-Warn-App: Eine Anwendung, die Alarm schlägt, sobald man mit einer Person, die die App ebenfalls installiert hat und als positiv getestet gilt, in Kontakt kommt. Diese Begegnung mit der positiv getesteten Person bezeichnet die App als Risiko-Begegnung.

Die Risikobewertung der Begegnung erfolgt anhand von vier Faktoren:

Wie lange liegt der Kontakt zu einer Corona-positiven Person zurück?
Wie nah sind sich die Personen gekommen?
Wie lange hat der Kontakt bestanden?
Welches Übertragungsrisiko hat bei der positiv getesteten Person bestanden?

Das kalkulierte Risiko informiert einen dann über den eigenen Risikostatus. Die App dif­fe­ren­ziert zwischen einem niedrigen und einem erhöhten Status.

Bei einem niedrigen Risikostatus wurde lediglich der Kontakt mit einer Risiko-Begegnung über einen kurzen Zeitraum gemessen oder es bestand gar kein Kontakt. Ein erhöhtes Risiko wird nur dann angezeigt, wenn gemessen wurde, dass man sich länger mit einem Riskio-Kontakt aufgehalten hat.
Dr. Johannes Kleideiter, Leiter der Klinikhygiene, beantwortet der Redaktion Fragen zur Corona-App, die bereits für viele Diskussionen gesorgt hat.

Herr Dr. Kleideiter, es wird viel diskutiert über die Corona-App. Diese soll mich warnen, wenn ich Kontakt mit Corona infizierten Personen oder Personen mit erhöhtem Risiko hatte. Dadurch sollen die I

Johannes Kleideiter: Damit die Corona-Warn-App einen wirksamen Beitrag zur Infektionsprävention leistet, sind folgende Aspekte von Bedeutung.
Es müssen zahlreiche Menschen die App installieren, was bei den hohen technischen Anforderungen viele Endgeräte ausschließt. Zudem werden Personen, die bewusst die Hygieneregeln bezüglich
Corona missachten, sehr wahrscheinlich die App gar nicht erst installieren. Aufgrund der Datenschutz-Vorgaben ist eine Bewertung des Präventionspotenzials der App nicht möglich. Dennoch halte ich sie für sinnvoll.

Viele Menschen machen sich akute Sorgen und sind schon fast panisch, wie sich die aktuelle Situation entwickelt, ob uns eine weitere „Welle“ erwartet – wie ist Ihre Stimmung aktuell?

Johannes Kleideiter: Ich halte den Begriff einer zweiten ‚Welle‘ für irreführend. Wir sehen seit Anfang Juli steigende Infektonszahlen.
Es wirkt auf mich ein wenig so, als ob man aus dem Fenster sieht und auf die große ‚Welle‘ wartet und dabei nicht merkt, dass der Keller bereits voll Wasser steht. Es sind private Feierlichkeiten und die Reiserückkehrer*innen, die aktuell zu ansteigenden Infektionszahlen beitragen. Hier ist häufig sorgloses Verhalten die Ursache für eine Ausbreitung des Coronavirus. Die Bilder feiernder Urlauber*innen auf der Insel Mallorca sind hierfür bezeichnend.

Nun zur Corona-App: Was ist das Ziel der Corona-Warn-App und warum wurde sie entwickelt?

Johannes Kleideiter: Die App verfolgt das Ziel enge Kontakte zwischen Menschen anonymisiert zu erfassen. Nach dem Lockdown wurden die Regelungen zu sozialen Kontakten außerhalb der eigenen Lebensgemeinschaften deutlich gelockert. Je mehr soziale Kontakte stattfinden, desto weniger werden sich einzelne an jeden Kontakt erinnern können. Wird eine Infektion mit dem Coronavirus erkannt, so ist es wichtig, alle Kontakpersonen zu informieren. Hierbei kann die App einen effektiven Beitrag leisten, dies umso besser, je mehr die App installiert haben.

Was sagen Sie zu den Äußerungen, dass die App zu schnell entwickelt wurde und aufgrund dessen Fehler bei Nutzung und Installation auftreten? Auch die hohen Kosten wurden kritisiert.

Johannes Kleideiter: Die App wurde unter hohem Erwartungsdruck seitens der Politik erstellt. Das erklärt auch die hohen Kosten. Eine neue App kommt immer mit diversen „Kinderkrankheiten“ auf den Markt, das sei jedoch nicht zu vermeiden, so die Einschätzung von IT-Expert*innen.

Viele Menschen denken, dass ihre persönlichen Daten, die sie angegeben haben, abgespeichert oder gegebenenfalls sogar weitergereicht werden. Ist das tatsächlich so?

Johannes Kleideiter: Das Datenschutzkonzept der App wurde intensiv begleitet und die Programmierung transparent veröffentlicht. Es werden Daten gespeichert, jedoch keine personenbezogenen. Käme heraus, dass hier Daten gesammelt werden, ginge die Akzeptanz für diese App nachhaltig verloren.

Sollte die App zugänglicher gemacht werden für jegliche Generation von Smartphones, da es zurzeit nur möglich ist, die App auf Geräten herunterzuladen, die nicht älter als 5 Jahre sind?

Johannes Kleideiter: Das ist eine, den technischen Bereich ansprechende Frage. Soweit mein Kenntnisstand reicht, ist gerade für das Datenschutzkonzept ein aktuelles Betriebssystem erforderlich. Wahrscheinlich ist das Risiko, von außen Daten abzugreifen, bei älteren Versionen erhöht. Es stellt sich vielmehr die Frage, warum Geräte in einem so „jungen“ Alter nicht mehr aktualisiert werden können.

Die App kann nur per Bluetooth im Abstand von anderthalb Metern ein Risiko ermitteln. Finden Sie, es müsste eine Risikobestimmung über eine größere Distanz hinaus geben, um das Risiko korrekt zu besti

Johannes Kleideiter: Die App kann das Infektionsrisiko nur bei einzelnen Kontakten bestimmen. Wer sich in einem geschlossenen Raum mit vielen anderen Menschen aufhält, ist unter bestimmten Rahmenbedingungen einem sehr hohen Infektionsrisiko ausgesetzt, so z.B. bei Feiern in schlecht belüfteten Räumen unter Missachtung der Hygienevorgaben.
Derartige Rahmenbedingungen, die eine Infektionsverbreitung begünstigen, kann eine App nicht erfassen. Die App hat nur das Instrument der Abstandsmessung.

Es wird darüber diskutiert, dass Europäische Länder einen Datenaustausch durchführen wollen, halten Sie das für besonders wichtig? Ist die App überhaupt im Ausland nutzbar?

Johannes Kleideiter: Wenn es um den europaweiten Datenaustausch geht, wird dies die Datenschützer*innen sensibilisieren. Aktuell ist die App nicht mit Entwicklungen anderer Länder kompatibel. Wahrscheinlich ist der Impfstoff zugelassen, bevor sich Europa auf gemeinsame Standards verständigt hat.

Was bringt die App, neben der Risikoermittlung, noch für Funktionen mit sich?

Johannes Kleideiter: Die wesentliche Funktion ist die Risikoermittlung. Zusätzlich werden die bekannten Hygieneregeln aufgeführt. Ein positives Ergebnis kann über die App mit einem QR-Code eingegeben werden.

Kann eine Falschmeldung in die App eingegeben werden?

Johannes Kleideiter: Zur Eingabe eines positiven Testergebnisses wird ein QR-Code oder eine TAN benötigt. Letztere kann auch telefonisch erfragt werden. Grundsätzlich wäre vorstellbar, das positive Ergebnis einer fremden Person in die App einzugeben, was dann zu fehlerhaften Meldungen bei Personen führt, die als Kontakte erkannt wurden. Kein EDV-basiertes System ist vor Missbrauch oder Datenmanipulation zu 100% geschützt.
Wann wird die App zu einem Erfolg? Wie viel Prozent der Bevölkerung müsste Zugang zu der App haben?
Johannes Kleideiter: Über diese Frage streiten sich die Expert*innen. Es gibt unterschiedliche Einschätzungen zu der Frage, wie hoch der Anteil in der Bevölkerung sein muss, der die App aktiv nutzt. Es gibt hierzu nur Simulierungen und Hochrechnungen, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Damit bleibt die Binsenweisheit, je mehr Personen mitmachen desto besser das Ergebnis.

Wie viele Menschen haben sich die App bislang heruntergeladen?

Johannes Kleideiter: Aktuell sind über 17 Millionen Downloads erfolgt. Knapp 1.700 positive Testergebnisse wurden von App-Nutzer*innen angegeben, in diesen Fällen kann die App alle Personen informieren, die Kontakt mit den Infizierten hatten.

Was nützt uns die App, wenn uns so etwas wie der Corona-Ausbruch bei dem Fleischereibetrieb Tönnies in Gütersloh erneut erwartet, bei dem mehrere tausend Personen als Covid-positiv getestet wurden?

Johannes Kleideiter: Die Situation in der fleischverarbeitenden Industrie ist ein gutes Beispiel für die massenhafte Ausbreitung des Virus. Das gab es aber auch schon vorher, wenn auch in geringerem Umfang, denkt man an die Karnevalsfeiern oder das gesellige Beisammensein nach dem Skifahren. Veranstaltungen, die ein derart hohes Risiko darstellen, können nicht das Ziel dieser App sein. Wichtig ist, die App ersezt nicht das verantwortungsvolle Handeln in Coronazeiten, für die Einhaltung der Hygieneregeln bleibt jede Person selbst verantwortlich.

Welcher Zielgruppe nützt die App besonders?

Johannes Kleideiter: Man muss davon ausgehen, dass vor allem jüngere und technikaffine Menschen die App nutzen. Dies könnte aber auch die Personengruppe sein, die besonders viele soziale Kontakte pflegt. Es gibt hierzu jedoch keine validen Daten.

Ist Abstand halten und Mund-Nase-Bedeckung tragen weiterhin wichtig?

Johannes Kleideiter: Die App ist nur eine Ergänzung, sie ist ein Baustein in der Bewältigung der Corona-Pandemie.Alle bisher etablierten Hygieneregeln behalten auch weiterhin ihre Berechtigung. In der Infektionsprävention ist nur selten eine einzelne Maßnahme hoch wirksam in der Prävention der Weiterverbreitung. Erst im Zusammenspiel unterschiedlicher Maßnahmen kann die Unterbrechung von Infektionsketten wirkam erreicht werden.

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