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Hämo styp tika Wat'n dat?

von Ulrich Klaus Fetzner, Prof. Dr. med. Mathias Löhnert (Kommentare: 0)

Was bedeutet „Hämostyptikum“? Woher kommt es, was macht es beim Militär und was hat es heute mit der Chirurgie zu tun?

Der Begriff Hämostyptikum (Einzahl) bzw. Hämostyptika (Mehrzahl) kommt aus dem Griechischen, setzt sich aus „αίμα“ (Blut) und „στάσις“ (Stillung) zusammen und bedeutet so viel wie „Blut-Stillung“, also Substanzen und Medikamente, die Blutungen zum Stillstand bringen. Heute verstehen wir darunter feste, flüssige oder gelartige Produkte, welche zum Beispiel im Operationssaal verwendet werden, um Blutungen zu reduzieren, zu stoppen oder ihnen vorzubeugen.

Geschichte der Hämostyptika

Interessant ist zunächst die Historie dieser Substanzen.

Bereits im Altertum war die blutstillende Wirkung verschiedener Naturstoffe bekannt. So zum Beispiel die Sporen des Bovist Pilzes. Sie haben einen Durchmesser von 3 bis 4 Mikrometern und insgesamt eine sehr große Oberfläche. So wird die Anlagerung von Blutplättchen und damit der Blutgerinnung begünstigt. Noch heute erinnern historische Gefäße in Apotheken mit der Aufschrift „Fungus chirurgor“ an diesen „Chirurgen-Pilz“.

Die Heilkunst hatte von Anfang an immer auch etwas mit „Aberglaube“ zu tun. So empfahl man 1687 zur Blutstillung noch ein „blutstillendes Pulver aus Blut von jungen Menschen, jungen Schafen und aus im Monat Mai gesammelten und getrockneten grünen Fröschen“.
Später wurden Säuren (u.a. Ameisensäure, Uronsäure, Schwefelsäure) oder deren Salze verwendet, die das Gewebe verätzten und so blutstillende Wirkung erzielen konnten.

Historische blutstillende pflanzliche Mittel, welche heute noch verwendet werden, sind wässrige oder alkoholische Extrakte (Blätter, Rinde, Zweige) aus der Zaubernuss. Sie wurden bereits von den Ureinwohnern Nordamerikas benutzt.
Die sogenannten Hametum Produkte werden als Tropfen, Salben und Cremes noch heute vertrieben und bei leichten Blutungen und Verletzungen in der „Hausapotheke“ verwendet.

Noch später wurde die blutstillende Wirkung von Zellulose (z.B. Algen, Zeitungspapier) entdeckt. Zellulose wird in medizinisch aufbereiteter Form auch heute noch zur Blutstillung verwendet.

Hämostyptika im Militär

Anders als im zivilen Leben ist die häufigste Todesursache im Kriegsgefecht das „Verbluten“.
Im Krieg steht in der Akutsituation – heißt, an der Front – erst einmal keine sofortige medizinische Versorgung zur Verfügung. Erste Hilfe durch Kameradinnen und Kameraden, erste „eigene“ Hilfe und die Hoffnung auf einen schnellen Transport in ein „Lazarett“, sind dort die Devise.

Deswegen hat das Militär sogenannte „Woundpacks“ entwickelt, welche die Soldatinnen und Soldaten immer bei sich tragen und im Falle der Verwundung sich selbst, einer Kameradin oder einem Kamerad auf eine blutende Wunde aufbringen können. Die „Woundpacks“ entwickeln durch „Exotherme Reaktionen“ Temperaturen von bis zu 140 Grad.

Ihre Inhaltsstoffe lassen sich folgenden Gruppen zuordnen:

  • Mineralien (auch vulkanischen Ursprungs)
  • Salze
  • Zeolithe (mit großer Oberfläche)
  • Kaoline (Porzellanerde)
  • Chitin (Polysaccharid) und Chitosan (Polyaminosaccharid)
  • Baumwolle
  • Blutgerinnungsfaktoren in Trockensubstanz

Den modernen Woundpacks ist gemeinsam, dass sie sehr wirksam, aber auch sehr nebenwirkungsreich (Verbrennungen, Embolien) und auch sehr teuer sind. Von der Forschung und Entwicklung in diesem Bereich profitierte auch die zivile Pharmabranche.

Heutige Hämostyptika

Blutungen im Operationssaal und Nachblutungen sollten im Zeitalter der „Schlüssellochchirurgie“ und mit dem Fortschritt der Instrumente und Techniken eigentlich immer seltener werden, sie werden aber im Gegenteil immer häufiger.
Dies liegt daran, dass die Patientinnen und Patienten immer älter werden und die chirurgische Behandlung, auch von schwierigen Tumorerkrankungen, immer häufiger wird. Es liegt aber auch daran, dass viele Patienten heute eine Vielzahl von Blutverdünnern einnehmen, nicht selten auch in zu hohen Dosierungen, bis hin zur „Vergiftung“ durch diese Medikamente.

Die heute verwendeten Hämostyptika lassen sich in 3 Klassen – mit steigender Wirksamkeit (und Preis) – einteilen:

  • Zellulosebasierte Hämostyptika
  • Kollagenbasierte Hämostyptika mit und ohne Blutgerinnungsfaktoren
  • Gerinnungsfaktorenbasierte Hämostyptika

Die Anwendung von Hämostyptika im Operationssaal bei stark blutenden Patientinnen und Patienten reiht sich ein in eine ganze Reihe von Maßnahmen. Unter Umständen muss Blut oder Blutbestandteile – z.B. Eiweiße, die für die Blutgerinnung zuständig sind oder Blutplättchen – ersetzt werden. Die Patientin oder der Patient muss oft gewärmt werden, da die natürliche Blutgerinnung nur bei normaler Körpertemperatur funktioniert. Bei „Vergiftung“ der Patientin oder des Patienten mit Blutverdünnern müssen „Gegengifte“ (sog. Antidota) verabreicht werden. Dann muss die Chirurgin oder der Chirurg ein offenes Blutgefäß durch Naht oder Clip verschließen oder „umstechen“. Mit Ultraschall oder Hitze können kleinere Blutungen verschorft werden. Flankierend dazu und auch um ein Wiederauftreten einer Blutung zu verhindern, werden heute Hämostyptika eingesetzt. Hämatostyptika werden auch in sehr verletzlichen Körperbereichen eingesetzt, in denen äußerst vorsichtig mit Hitze umgegangen werden muss, um das Gewebe nicht zu schädigen – zum Beispiel an der Oberfläche der Bauchspeicheldrüse und an der Luftröhre. Sie werden auch in schlecht zugänglichen Körperhöhlen eingesetzt oder bei Gewebe, welches sehr brüchig und schwierig zu nähen ist (z.B. Milz, Leber).

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