Selbsthilfe in Zeiten der Pandemie

von visite (Kommentare: 0)

Frau Steinhoff-Kemper, was hat sich während der Corona-Pandemie für Selbsthilfegruppen geändert? Wie funktionieren Selbsthilfegruppen in „normalen Zeiten“ ohne Pandemiebeschränkungen?

Durch die Corona-Pandemie erleben wir gegenseitige Hilfe und Solidarität. Viele Menschen engagieren sich und viele Menschen erhalten Hilfe von Freiwilligen oder helfen sich gegenseitig. Selbsthilfegruppen setzen genau hier an. Die Erfahrung unzähliger Selbsthilfegruppen-Teilnehmender ist: der Austausch von persönlichen Erfahrungen, von Informationen, praktischen Hilfen und Tipps und auch Wissen hilft bei der Bewältigung einer chronischen Erkrankung und um der sozialen Isolation zu entkommen.

Darüber reden hilft!
Im Klinikum Bielefeld treffen sich regelmäßig 15 Selbsthilfegruppen, tauschen sich aus, laden Fachleute gelegentlich zu ihren Treffen ein und nutzen die Möglichkeiten der praktischen Zusammenarbeit. Mit Ausbruch der Corona Epidemie und den damit einhergehenden notwendigen Schutzmaßnahmen, mussten die Gruppen vorerst ihre Treffen einstellen. Viele vermissten den gewohnten Austausch im vertrauten Kreis! Seit Mai wurden Lockerungen beschlossen, die auch die gemeinschaftliche Selbsthilfe betreffen. Selbsthilfekontaktstellen öffnen wieder für persönliche Beratungen unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen.

Selbsthilfegruppen bereiten sich auf die Wiederaufnahme ihrer Gruppentreffen vor und entwerfen Hygienekonzepte. Die Organisation der Treffen gestaltet sich schwieriger. Um Abstände einhalten zu können, benötigen die Gruppen nun größere Räume, um allen Teilnehmenden ausreichend Platz zu bieten. Ängste um die eigene Gesundheit werden, so lange wie die Pandemie andauern wird, manche Menschen davon abhalten, zu den gemeinschaftlichen Treffen zu gehen.

Nutzen Selbsthilfegruppen digitale Medien, um sich auszutauschen? Gibt es virtuelle Gruppentreffen?

Diese Frage war Anlass für die Selbsthilfe-Kontaktstelle Bielefeld des Paritätischen, eine Online-Befragung der Bielefelder Selbsthilfegruppen durchzuführen, um bei Bedarf das Angebot anzupassen. Ein deutliches Ergebnis ist, dass neben der Nutzung des Telefons auch Messenger Dienste (z.B. Signal, WhatsApp, Telegram, Threema, etc.) von den Selbsthilfegruppen genutzt werden, um den Kontakt untereinander aufrecht zu erhalten. Virtuelle Treffen, so wie sie in beruflichen Kontext aktuell genutzt werden, bilden allerdings nur die Ausnahme.

Wie unterstützt die Selbsthilfe-Kontaktstelle die Selbsthilfegruppen dabei, virtuelle Angebote zu nutzen?

Hier wurde die Selbsthilfe-Kontaktstelle aktiv! Gemeinsam mit Mitgliedern aus Selbsthilfegruppen konnten erste Versuche mit virtuellen Treffen niedrigschwellig gemacht werden. Die Scheu vor der Technik war rasch verflogen und die Begeisterung sich zu treffen war groß, wenn auch nur digital.

Darüber hinaus interessieren sich die Selbsthilfegruppen für spezielle Hinweise zu bundesweiten und regionalen Online- und Telefonangeboten der Selbsthilfe, Datenschutz bei virtuellen Treffen, etc. Diese Informationen stellt die Selbsthilfe-Kontaktstelle zur Verfügung.

Das „Kontaktbüro Pflegeselbsthilfe (KoPS)“ gehört ebenfalls zur Selbsthilfe-Kontaktstelle Bielefeld. Gibt es digitale Angebote, die für Pflegende Angehörige hilfreich sind?

Die Situation für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige hat sich durch die aktuelle Situation deutlich verändert. Die bisherigen Versorgungs- und Unterstützungsmöglichkeiten sind zum Teil weggefallen, sodass Angehörige oder Pflegebedürftige noch mehr gefordert sind, die Pflege neu zu organisieren und dafür andere, neue Wege zu gehen, wie beispielsweise die Nutzung digitaler Unterstützungsangebote. Hilfreich sind dabei verschiedene digitale Angebote. Zu denen gehören Apps zur digitalen Selbsthilfe, wie beispielsweise die „in.Kontakt“ von „wir pflegen e.V.“, die bundesweite Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation für pflegende Angehörige. Nützlich sind dabei auch Apps zur Information oder online Pflegekurse, auf die im Kontaktbüro hingewiesen wird. Ein direktes Angebot des Kontaktbüros Pflegeselbsthilfe für pflegende Angehörige ist die Möglichkeit der virtuellen Treffen. Zurzeit wird außerdem auf Messenger Dienste zurückgegriffen, um sich auszutauschen und den Kontakt untereinander zu halten.

Für welche Selbsthilfegruppen bieten die Möglichkeiten der Digitalisierung Vorteile, für welche eher Nachteile?

Die Digitalisierung hat viele Vorteile. Kommunikation in Echtzeit ist einer davon. Selbsthilfegruppen können sich diesen Umstand zunutze machen, denn eine Alternative zu „echten“ Gruppentreffen können Videokonferenzen sein. Zwar können sie keine persönlichen, physischen Kontakte ersetzen. Doch in Zeiten von Corona können sie helfen, dass Kontakte nicht abbrechen, bzw. neue Kontakte angebahnt werden können. Welche Formen des persönlichen und digitalen Austauschs für einzelne Gruppen geeignet sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Teilnehmende mit chronischen körperlichen Erkrankungen oder Behinderungen, die zur sogenannten Risikogruppe gehören, müssen sich in besonderer Weise vor einer möglichen Infektion schützen. Für andere, etwa Suchtkranke und psychisch Erkrankte, bedeutet gerade die erzwungene soziale Isolation und der Wegfall von Gewohnheiten eine zusätzliche Belastung.

Wird die Arbeit der Selbsthilfegruppen Ihrer Einschätzung nach in Zukunft digitaler ablaufen als bisher?

Vorstellbar ist, dass interessierte Betroffene perspektivisch an virtuellen Treffen von Selbsthilfegruppen teilnehmen können. Grundsätzlich hat sich die Selbsthilfe noch nie neuen Technologien verschlossen, sondern diese immer dann angenommen, wenn diese sich als hilfreich für die Gruppe erwiesen haben. So wird es auch in Zukunft sein.

Selbsthilfe-Kontaktstelle

Die Selbsthilfe-Kontaktstelle informiert rund um die Selbsthilfe und Selbsthilfegruppen in Bielefeld. Die Hauptaufgaben der Selbsthilfe-Kontaktstelle sind die Information und Beratung über Selbsthilfe, die Vermittlung in Selbsthilfegruppen und die Unterstützung bestehender Gruppen und Gruppengründungen.

Weitere Informationen unter:
www.selbsthilfe-bielefeld.de
Tel.: 05 21. 96 406 96

Selbsthilfegruppen im Klinikum Bielefeld

Das Klinikum Bielefeld ist als Selbsthilfefreundliches Krankenhaus ausgezeichnet. Weitere Infos zum Thema Selbsthilfegruppen im Klinikum Bielefeld:

Sandra Knicker
Selbsthilfebeauftragte des Klinikums Bielefeld

Tel.: 05 21. 5 81 - 22 77
E-Mail: piz@klinikumbielefeld.de
www.klinikumbielefeld.de

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