Wenn der Heuschnupfen auf die Bronchien schlägt

von Dr. med. Betram Ruprecht

Der Etagenwechsel zum Allergischen Asthma

Wenn der Heuschnupfen auf die Bronchien schlägt

Des einen Freud, des anderen Leid – der Frühling mit seiner Blütenpracht. Die meisten unserer Mitmenschen können sich unbeschwert über blühende Wiesen, Sträucher und Bäume freuen. Doch etwa jeder Fünfte leidet: Niesattacken, Fließschnupfen oder verstopfte Nase, juckende, brennende oder tränende  Augen. Heuschnupfen ist die häufigste Form einer Allergie in Industrieländern. Viele Betroffene verspüren zudem einen unangenehmen Juckreiz im Hals, an der Rachenschleimhaut. Manche dieser Patienten neigen zu Entzündungen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich, etwa in den Nasennebenhöhlen, wenn die Schleimhäute hier besonders empfindlich reagieren. Es kommt zu Schwellungen, die den Sekretabfluss und die Belüftung behindern. Das begünstigt wiederum Infektionen.

Anders, als der Name „Heuschnupfen“ vermuten lässt, haben die Betroffenen in der Regel keine Allergie gegen Heu. Auch sind sie nicht die ganze Zeit über erkältet. Ihnen machen hingegen Pflanzenpollen, kleinste Blütenstaubteilchen in der Luft, zu schaffen. Gegen diese Teilchen entwickeln sie im Rahmen ihrer Allergie eine bestimmte Art von Antikörpern, die wiederum dazu beitragen, dass die Schleimhäute permanent leicht entzündet sind. Sie schwellen deswegen an und produzieren übermäßig Schleim, der die Nasenwege zusätzlich verengt.
Hasel, Birke, Erle, Roggen, Gräser - und seit einigen Jahren auch noch die Beifuß-Ambrosie. Dies  sind nur einige Pflanzen, die Pollenallergikern Probleme machen können. Von Januar bis in den späten Oktober hinein fliegen deren Pollen, in besonders milden Jahren auch schon im Dezember. Wer „Glück“ hat und nur auf sehr wenige Pollen-Arten reagiert, hat vielleicht nur zwei Wochen im Jahr Beschwerden. Andere, mit sehr breitem Allergenspektrum, müssen inzwischen fast das ganze Jahr über leiden. Klimawandel und eine „Globalisierung“ der allergenen Pflanzen sind mit daran schuld.
Gerade wenn die Symptome nicht besonders lange anhalten, werden sie häufig nicht ernst genommen, nicht wenige Allergiker halten deswegen einen Arztbesuch für überflüssig.

Doch vielen von Ihnen droht weiteres Ungemach: Etwa 40 Prozent derjenigen, die an Heuschnupfen leiden, entwickeln im Laufe der Jahre ein allergisches Asthma Bronchiale.  Die Schleimhäute der unteren Atemwege, der Bronchien, sind ganz ähnlich aufgebaut, wie die der oberen Atemwege, z.B. der Nasenwege, und können deswegen auch ganz ähnlich reagieren. Die Nasenschleimhäute haben normalerweise eine hervorragende Filter-Funktion. Pollen, wie auch andere Partikel in der Atemluft, werden von ihnen größtenteils abgefangen und gelangen so gar nicht in die Lunge. Wenn die Nase dicht ist, müssen wir durch den Mund atmen.  Auf diesem Weg können die Pollen quasi ungehindert bis in die tiefen Atemwege gelangen und dort dann allergische Reaktionen hervorrufen. Am Anfang fehlen häufig typische Symptome eines Allergischen Asthma Bronchiale. Bei Kindern zeigt sich dieses Asthma nicht selten zunächst nur in Form von Belastungsluftnot – z.B. beim Spielen oder auf dem Sportplatz.

Die Symptome spielen sich jetzt „eine Etage tiefer“ ab – dies ist der gefürchtete Etagenwechsel. Nicht selten rücken die Atemwegsbeschwerden mehr und mehr in den Vordergrund, der Heuschnupfen spielt für viele dieser Allergiker keine so große Rolle mehr. Doch betroffen von der Allergie sind jetzt die gesamten Atemwege, wir haben es nun mit einer „United Airways Disease“ zu tun. Deswegen ist der Ausdruck „Etagenwechsel“ eigentlich falsch.  Vielmehr müsste man eigentlich von einer Ausdehnung der allergischen Erkrankung sprechen.

Gibt es Risikofaktoren für einen Etagenwechsel? In allererster Linie spielen genetische Faktoren eine Rolle. Jüngere Allergiker sind häufiger betroffen.

Wenn die Eltern einen Etagenwechsel durchgemacht haben, bedeutet dies auch ein höheres Risiko für deren Nachwuchs. Auch Faktoren wie Frühgeburt und Luftverschmutzung, aktives und passives Rauchen erhöhen möglicherweise das Risiko.

Muss es schicksalhaft zur Entwicklung des Allergischen Asthmas beim Heuschnupfen-Patienten kommen? Nein! Eine angemessene Therapie kann tatsächlich dieses Risiko nachhaltig senken – wenn man frühzeitig und konsequent damit anfängt. Heuschnupfen kann man mit anti-entzündlichen und anti-allergischen Medikamenten in aller Regel sehr gut behandeln. Diese Medikamente werden entweder direkt „vor Ort“ (topisch) in Form von Sprays oder Tropfen eingesetzt, oder aber als Tabletten (nur im Notfall auch als Spritzen) „systemisch“ gegeben. Dabei ist die Bekämpfung der Entzündung der oberen Atemwege auch ein gewisser Schutz für die unteren Atemwege. Auch durch die Vermeidung bzw. Reduzierung des Allergen-Kontaktes (z.B. durch Pollenfilter im Auto, durch richtiges Lüften zur richtigen Zeit, durch Haarewaschen vor dem Schlafengehen und keine Straßenkleidung im Schlafzimmer in der Pollensaison, u.ä.) schützt man seine Atemwege.

Die effektivste und nachhaltigste Vorbeugung vor diesem Etagenwechsel stellt jedoch die sogenannte Spezifische Immuntherapie, die Hyposensibilisierung, dar. Der Körper wird hierbei langsam an die auslösenden Allergene „gewöhnt“ und reagiert dann nur noch schwach oder gar nicht mehr allergisch auf sie. Während früher eine Hyposensibilisierung nur mit Injektionen durchgeführt werden konnte, gibt es für immer mehr Allergene jetzt auch wirksame Tropfen oder Tabletten, die unter die Zunge eingebracht werden.

Im ersten Jahr hat man meist noch keinen vollen Erfolg, aber immerhin schon eine Reduzierung der Beschwerden um 30 bis 40 Prozent. Im Laufe der weiteren Therapie nimmt der Erfolg in der Regel deutlich zu. Je früher eine solche Immuntherapie im Verlauf der Erkrankung begonnen wird, desto größer sind die Erfolgsaussichten, dass auch die Entwicklung eines Allergischen Asthmas verhindert werden kann. Aber auch nach zehnjähriger Erkrankungsdauer lassen sich durchaus noch Erfolge erzielen. Selbst wenn bereits ein Allergisches Asthma entstanden ist, kann bis zu einem gewissen Schweregrad eine Spezifische Immuntherapie noch Sinn machen, doch die Erfolge sind häufig geringer, die Therapie schwieriger und nicht selten riskanter.
Doch auch wenn bereits ein Allergisches Asthma Bronchiale vorliegt, lässt sich dieses meist noch gut behandeln, mit entzündungshemmenden und mit bronchienerweiternden Asthma-Sprays. Heilen können diese Therapien das Asthma allerdings nicht, doch meistens gelingt es mit Ihnen, die Symptome der Erkrankung gut zu kontrollieren. Für Patienten mit besonders schwerem Allergischem Asthma gibt es seit wenigen Jahren auch sogenannte monoklonale Antikörper gegen das Immunglobulin IgE, welches bei Allergien eine entscheidende Rolle spielt. Diese Antikörper neutralisieren das IgE und verhindern dessen Allergie-Wirkung. Allerdings ist diese Therapie sehr aufwändig und äußerst teuer.

Für den Heuschnupfen-Patienten bleibt der wichtigste Ratschlag: Nehmen Sie Ihre Erkrankung ernst und konsultieren Sie frühzeitig einen Arzt. Sie verbessern damit Ihre Chancen, dass es gar nicht erst zu einer solchen belastenden und nicht selten auch gefährlichen Ausweitung ihrer Erkrankung zu einem Allergischen Asthma kommen braucht!

Zurück